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Virtuelle Besichtigung für Bestandsimmobilien: Technologie, Chancen, Risiken und Rentabilität im Überblick

Virtuelle Besichtigung für Bestandsimmobilien: Technologie, Chancen, Risiken und Rentabilität im Überblick

Virtuelle Besichtigungen verändern die Art, wie Bestandsimmobilien vermarktet werden — aber wie funktionieren sie technisch, welche Chancen bieten sie konkret, welche Risiken bestehen, und lohnt sich der Einsatz wirtschaftlich? Dieser Beitrag gibt eine vollständige Antwort auf alle vier Fragen, gestützt auf Praxisdaten und Expertenaussagen aus der Immobilienwirtschaft.

 

Wie funktioniert die Technologie hinter einer virtuellen Immobilienbesichtigung?

Eine virtuelle Besichtigung besteht aus mehreren miteinander verbundenen 360°-Panoramaansichten einzelner Räume. Die Grundlage bilden Fotos, die mit digitalen Spiegelreflexkameras und Weitwinkel- oder Fisheye-Objektiven aufgenommen und anschließend durch Photo-Stitching-Software zu einem nahtlosen Kugelpanorama zusammengefügt werden. Für die Webdarstellung ist eine Auflösung von rund 20 Megapixel ausreichend und aus Usability-Gründen empfehlenswert — höhere Auflösungen erhöhen die Fehleranfälligkeit im Stitching-Prozess und verlangsamen die Ladezeit.

Alternativ bieten sogenannte One-Shot-Kameras wie die Ricoh Theta eine niedrigschwellige Einstiegsoption: Ein einziger Auslöser erzeugt ein fertiges Panorama. Die Qualität ist jedoch deutlich geringer, da nur zwei Einzelbilder verarbeitet werden und der Dynamikumfang — also die Fähigkeit, Lichter und Schatten gleichzeitig abzubilden — stark eingeschränkt ist.

Die fertigen Panoramen werden in einem sogenannten Tourbuilder zu einer zusammenhängenden virtuellen Tour verbunden. Über Hotspots oder eine Grundrissnavigation bewegt sich der Nutzer von Raum zu Raum. Die Tour ist auf Desktop, Smartphone, Tablet und VR-Brille abrufbar — durch die Gerätesensorik wird das Neigen und Drehen des Geräts direkt in eine Bewegung innerhalb der 360°-Kugel übersetzt, sodass ein dreidimensionales Raumerlebnis entsteht.

 

Welche Chancen bieten virtuelle Besichtigungen für die Immobilienvermarktung im Bestandssegment?

Der zentrale Vorteil liegt in der vollständigen Informationsvermittlung auf Abruf. Anders als klassische Fotos, die immer nur ausgewählte Blickwinkel zeigen, bildet eine 360°-Tour jeden Winkel eines Raums ab — einschließlich der Stellen, die bei professionellen Immobilienfotos bewusst ausgespart werden. Interessenten erhalten damit eine Informationsgrundlage, die einer realen Besichtigung deutlich näherkommt als jede Fotoserie.

Ein weiterer praktischer Vorteil betrifft bewohnte Objekte: Virtuelle Besichtigungen ermöglichen eine vollständige Erstbesichtigung, ohne dass Mieter gestört werden müssen. Dieser Aspekt wird in der Praxis von Maklern als erhebliche Erleichterung bewertet.

Der Zugang erfolgt über einen einfachen Hyperlink, der per E-Mail, Messenger oder als eingebetteter Link im Exposé-PDF versendet werden kann. Damit kann die virtuelle Erstbesichtigung bereits automatisiert mit der ersten Anfragebestätigung versendet werden — ohne Personalaufwand, ohne Terminkoordination. Die Tour ist zeit- und ortsunabhängig abrufbar, beliebig oft wiederholbar und kann mit Familienmitgliedern oder Freunden geteilt werden, um die soziale Absicherung der Kaufentscheidung zu erleichtern.

Aus der Sicht der Verhaltensforschung erfüllt das Medium damit alle zentralen Anforderungen an eine erfolgreiche Erstansprache: Information wird vollständig vermittelt, Aufmerksamkeit durch Interaktivität gesteigert, positive Emotionen durch das dreidimensionale Raumerlebnis erzeugt und das wahrgenommene Kaufrisiko durch einen umfassenden Ersteindruck reduziert.

 

Welche Risiken bestehen beim Einsatz virtueller Besichtigungen in der Immobilienvermarktung?

Das gewichtigste Risiko liegt im Verlust persönlichen Kundenkontakts. Im Maklergeschäft entstehen nicht nur Abschlüsse für das besichtigte Objekt, sondern auch Suchaufträge, Alternativgeschäfte und langfristige Kundenbeziehungen — alles Ergebnisse, die nur aus dem direkten Gespräch vor Ort entstehen. Ein Makler, der ausschließlich auf virtuelle Besichtigungen setzt, spart Kosten, verliert aber gleichzeitig die Grundlage seines Netzwerks. Fachleute aus der Branche betonen: Die eigentliche Stärke eines Maklers liegt in seinen menschlichen Beziehungen, nicht im Aufschließen der Wohnung.

Ein zweites, oft unterschätztes Risiko betrifft die Aufmerksamkeit der Nutzer. Die Flexibilität der virtuellen Besichtigung — jederzeit und überall abrufbar — ist gleichzeitig ihre Schwäche: Wer eine Wohnung in der U-Bahn oder nebenbei am Smartphone besichtigt, tut dies mit deutlich reduzierter Aufmerksamkeit. Die in Kapitel 7 dargestellte Konsumentenstudie bestätigt das: Ein erheblicher Anteil der Nutzer übersieht auffällige Details, obwohl sie angaben, die Besichtigung vollständig durchgeführt zu haben.

Hinzu kommt der Gewöhnungseffekt: Wenn virtuelle Touren zur Standardausstattung jedes Inserats werden, verlieren sie ihren Differenzierungswert. Der Ausleseprozess, der heute noch funktioniert, weil virtuelle Besichtigungen als Besonderheit wahrgenommen werden, verliert seine Wirkung in dem Maß, in dem das Medium zur Selbstverständlichkeit wird.

VR-Brillen als Wiedergabemedium sind zudem mit dem bekannten Problem der Motion Sickness behaftet: Schwindel, Übelkeit und Desorientierung treten bei einem relevanten Nutzeranteil auf, besonders bei Frauen und älteren Personen. Ein Gewöhnungseffekt tritt nicht ein — bei manchen Nutzern verschlimmern sich die Symptome mit zunehmender Verwendung. Für den Massenvertrieb ist die VR-Brille daher nur begrenzt einsetzbar.

 

Lohnt sich eine virtuelle Besichtigung für Bestandsimmobilien wirtschaftlich?

Die Kalkulation ist eindeutig. Eine professionell produzierte virtuelle Besichtigung kostet je nach Anbieter zwischen 199 und 649 Euro netto. Eine Vor-Ort-Besichtigung durch einen Maklerassistenten — inklusive Vorbereitung, Anfahrt und Durchführung — kostet das Unternehmen mindestens 51,60 Euro in reinen Personalkosten, ohne Fahrzeugkosten und sonstige Nebenkosten.

Ab der vierten eingesparten Vor-Ort-Besichtigung ist der Break-Even erreicht. Geht man von durchschnittlich 15 Besichtigungen bis zum Verkaufsabschluss aus — ein Wert, der auch für den österreichischen Markt als realistisch angesehen werden kann — liegen die Kosten einer virtuellen Besichtigung bei rund 25 Prozent der entsprechenden Personalkosten für physische Termine. Hinzu kommt, dass durch freigewordene Ressourcen mehr Objekte parallel betreut werden können, ohne die Personalkosten zu erhöhen.

Die Schlussfolgerung: Virtuelle Besichtigungen sind aus unternehmerischer Sicht kalkulatorisch sinnvoll — vorausgesetzt, sie werden professionell produziert, strategisch in den Vermarktungsprozess integriert und nicht als vollständiger Ersatz für persönlichen Vertrieb verstanden.

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